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Deutscher Journalistenverband bewertet Bloggen als „Schwarmdummheit“

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Fünf Experten wurden am 19. Juni 2008 vom Unterausschuss Neue Medien des Bundestagsausschusses Kultur und Medien zum Thema Online-Journalismus befragt:

  • Dr. Andreas Bittner, Mitglied des Bundesvorstands des Deutschen Journalisten-Verbands
  • Dr. Mercedes Bunz, Chefredakteurin Tagesspiegel.de
  • Dr. Alexander Görke, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin
  • Steffen Grimberg, Netzwerk Recherche, Medienredakteur bei der “taz”
  • Matthias Spielkamp, freier Journalist und Berater, Berlin

Andreas Bittner vom DJV äußerte auf die Frage nach den Auswirkungen des Bloggens auf die klassischen Medienangebote:

Selbstverständlich bietet die vernetzte Meinungspublizistik der Bürger Chancen. Sie sollte indes nicht überbewertet werden. Genauso wie eine Schwarm-Intelligenz gibt es auch eine Schwarmdummheit.


Da habe ich etwas aus dem Zusammenhang gerissen? Lesen Sie selbst:

Frage des Unterausschusses:

Wie verändern die Blogs die „tradierte“ Medienlandschaft? Was ist der Nährboden für diese Form des “grass-root journalism“? Welche Auswirkungen gibt es für den kommunikativ vermittelten öffentlichen Raum und die klassischen Medienangebote, wenn jeder bloggt?

Dr. Andreas Bittner (DJV):

Es gibt keine „tradierte“ Medienlandschaft, da diese ständig im Wandel war und ist. Sicherlich nimmt das Internet mittlerweile eine herausragende Bedeutung ein: Verlagshäuser kaufen Internetfirmen, Online-Redaktionen produzieren Video-Beiträge, öffentlich-rechtliche TV-Sender öffnen ihre News-Portale und Archive.

Dabei ist die Medienstruktur oft (noch) hierarchisch und einseitig verteilend. Durch die horizontale Struktur der Blogs (Wissenschaftler zählen sie zu den „Technologies of Freedom“) erscheinen viele neue Akteure in diese Landschaft. Und verschwinden oft genauso schnell wieder (ease of entry, ease of exit).

Eine interessante Veränderung: Wohl nie zuvor wurde so intensiv über den Journalismus und sein Verhältnis zum Publikum (Leser / Hörer / Zuschauer /User) diskutiert. Diese Debatten finden nicht nur in Medienhäusern, Feuilletons und Wissenschaft statt, sondern werden häufig vom Publikum selbst angestoßen.

Daraus ergeben sich viele Fragen: Nehmen etablierte Medien ihre Nutzer ernst? Können sie sich auf andere als die eigenen Relevanzkriterien einlassen? Verstehen sie, dass es den Lesern / Nutzern nicht nur um die Qualität von Informationen, sondern zugleich um deren Authentizität geht? Nutzen sie die Chance auf das Wissen ihrer Leser / User zurückzugreifen? Wie gehen sie mit Kommentaren und Korrekturen um?

Selbstverständlich bietet die vernetzte Meinungspublizistik der Bürger Chancen. Sie sollte indes nicht überbewertet werden. Genauso wie eine Schwarm- Intelligenz gibt es auch eine Schwarmdummheit.

Die klassischen Medien können in jedem Fall von diesen Aktivitäten profitieren. Blogs dienen der Ideenfindung und einer fundierten Recherche. Sie erhöhen die Quellen- und Meinungsvielfalt und können Reflektionen über das eigene Publizieren inspirieren. Ob ihnen eine Seismographenfunktion zukommt, scheint strittig.

Die Situation, dass „jeder bloggt“, ist unrealistisch. Das Phänomen wird aktuell überschätzt und künftig von geringerer Bedeutung sein. Selbst die Reichweiten der führenden deutschen Blogger sind gering; es zeichnet sich bislang auch keine steigende Tendenz ab. Die Anzahl der kontinuierlich aktualisierten Blogs in Deutschland, ist im Vergleich zu anderen Ländern eher bescheiden: Nur rund 133.000 deutsche Weblogs ermittelte die Studie Blogcensus Ende 2007.

Vielen Blog-Versuchen fehlt es nicht nur an Qualität (was den schreibenden Amateuren herzlich gleichgültig ist), sondern auch an Regelmäßigkeit und Nachhaltigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich mit Bloggen kaum Geld verdienen lässt. Blogs sind eher ein Format, um Erlebnisse festzuhalten und
darüber mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Im „kommunikativ vermittelten öffentlichen Raum“ kann sich eine Vielzahl von Bürgern zumindest theoretisch mehr Gehör als bisher verschaffen. In der Regel in Teil- oder Mikro- Öffentlichkeiten. Das hat mit der gesamtgesellschaftlichen Rolle des Journalismus wenig zu tun.

Es ist davon auszugehen, dass angesichts einer neuen medialen Unübersichtlichkeit dem Qualitätsjournalismus eine wichtige Orientierungsfunktion zuwächst.

Die vollständige Stellungnahme des Deutschen Journalistenverbandes und die der vier anderen Experten für Online-Journalismus kann man auf der Website des Bundestagsausschusses als PDF abrufen.

Orientierungsfunktion des Qualitätsjournalismus in der medialen Unübersichtlichkeit? Schwer vorstellbar bei soviel Arroganz und Ignoranz im Vorstand des Journalisten-Verbandes.

via onlinejournalismus.de

Deutscher Journalistenverband bewertet Bloggen als
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8 Kommentare

  1. Der zumindest für (gewählte oder bestellte?) Funktionäre der Journalisten noch bequeme hochnäsige Sitz auf einem womöglich nicht mehr so gesunden und stolpernden Pferd (sinkende Auflagen und Verluste von Werbeeinahmen zu Lasten des Internet) wird hier mal wieder trefflich aufgespießt.

    Eine damit verwandte Geisteshaltung habe ich kürzlich auch bei der dpa-Tochter news aktuell beobachten dürfen und hier besprochen.

  2. Scheint mit eher so zu sein, das ein Vertreter der „Old Medien“ versuchen will mit nicht belegbaren Aussagen eine ungeliebte Konkurrenz von vorne hinein auszuschalten.

    Schon alleine ob die genannte Zahl der aktuellen Blogs in Deutschland weil schlecht nachweisbar wirklich so liegt , lässt zweifel übrig.

    Auch das die Zeitungslandschaft bedingt durch immer weiter sinkende Auflagen und meist „stümperhaften“ Online Angebote der Zeitungshäuser unter eine wirtschaftlichen Druck gerät, verursacht bei manche Funktionäre in soweit ein Tendenz alles neue „nieder zureden“.

    Mir kommt es eher so vor das die Zeitung nur mit Halbwahrheiten versuchen wollen, ihr Anzeigen Anteil aufrecht zu erhalten.

    Stinken tut es manche das ein erfolgreichen Blog auch von nur ein bis drei mann betrieben werden kann und daher im Gegensatz zur Zeitung viel geringere Kosten hat….

  3. Die Kritik der Medienprofis ist berechtigt. Viele Blogs sind einfach sch….

    Doch drei Dinge verdeckt die Kritik:

    1. Es fehlt bislang den Medien und damit auch Journalisten an einer Strategie
    Ihre Anzeigenerlöse in die schöne neue, fraktale Medienwelt zu retten.

    2. Die Masse der Blogs bringt echte Highlights und damit Konkurrenz hervor.

    3. Von „den Blogs“ zu sprechen ist ungefähr so sinnvoll, wie die „Bildzeitung“
    mit der „Zeit“ gleichzusetzen.

    Also lassen wir Sie die Qualität beschwören. Wenn es die Journalistenfunktionäre glücklich macht….

  4. Festzuhalten bzw. zu fragen bleibt dennoch, warum hierzulande Blogs als Medienformat nicht deutlich mehr Fahrt aufnehmen. Leider arbeitet diese Tatsache Herrn Dr. Bittner in die Hände, zumindest derzeit noch…

    Zu Nr. 2 (Peter): Die Blogs als ungeliebte Konkurrenz „ausschalten“ wird der Journalistenverband nicht können. Da mag man noch so abschätzig daherreden und gleichzeitig dem „Qualitätsjournalismus“ huldigen – das Web schafft sich zum Glück seine Fakten selbst.

  5. Zu 4: Ein Blog, der von einer Person betrieben wird, kann doch naturgemäß nicht so viel Leser auf sich ziehen, wie eine Online-Zeitung, wo in Breite, Tiefe und Frequenz ein ganz anderer Output stattfindet.

    Die Menge der Blogs macht es, denke ich.

  6. Auch wenn ich jetzt hier sicher geschlagen werde, aber ich finde die Aussage von Old-School Bittner nicht so schlimm, wie es hier manche sehen. Abgesehen von dem etwas überzogenen oder eher missverständlichen Satz mit der Schwarmdummheit, finde ich z. B. seine Aussagen in Richtung der Zurückhaltung der Deutschen User eher zutreffend – hier haben wir echt noch Nachholbedarf.

    Ansonsten schließe ich mich Christians Meinung (Kommentar 3) an: Es gibt viel Schrott, aber auch andererseits bringt die schiere Menge viele gute Blogs hervor. Sicher schlummern in dem einen oder anderen noch verborgene journalistische oder zumindest humoristische Qualitäten und der Einstieg in eine entsprechende Blogger-Karriere ist dank den bekannten Web 2.0 Plattformen und OpenSource-Technologien kinderleicht.

    Das Problem ist die Fragmentierung des Mediums bzw. der neuen Medien. Solange sich die Blogs auf zig Blog-Verzeichnisse verteilen, wird es für den „normal“-User nahezu unmöglich sein, schnell und einfach gute von schlechten Blogs zu unterscheiden. Darunter leidet natürlich die Akzeptanz und insofern wird es sicher noch eine weile dauern, bis der neue Journalismus den „alten“ übertreffen kann.

    Roland

  7. Hallo Roland,

    danke für deinen Kommentar – geschlagen wird hier natürlich niemand.

    Ich selbst hatte mich vor dem Schreiben darüber geärgert, dass ich von den fünf Stellungnahmen im Ausschuss zuerst die Bittnersche gelesen hatte; vielleicht sollte ich Vereine und Verbände nicht so wichtig nehmen.

    Sehr viel lesenswerter ist in jedem Fall das Statement von Matthias Spielkamp, und auch Frau Bunz hat in knappen Worten mein Verständnis der Angelegenheit getroffen – kam mir fast so vor, als wenn sie mich irgendwo zitiert hatte, ohne mich zu zitieren. Nun suche ich die Stelle zu finden 😉

    Gruss,
    Karl-Heinz

  8. In einem gewissen Sinne waren sie doch auch ein Schwarm oder etwa nicht. hehe

    Wenn man hier die privaten Hobby Blogs mit der profipresse vergleich muss ich zustimmen aber es gibt genug Webblogs wo richtige Arbeit hintersteckt. Wo einzelne Postings nicht 50 Wörter sondern 4000-5000 Wörter haben die hart recherchiert wurden.

    Traurig das solche leute auch noch die Presse haben um solche Meinungen zu verbreiten.